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Bestimmen Sie die Herkunft Ihres Orientteppichs

Der Begriff Provenienz (lat. provenire „herkommen“) bezeichnet die geografische wie kulturelle Herkunft einer Person oder Sache. Er ist vor allem für die Kunst und Archäologie relevant, wo es der Provenienzforschung obliegt, Herkunft und Legalität von Objekten nachzuweisen. Unstimmige und unbekannte Provenienzen verweisen beispielsweise auf Raubkunst aus illegalen Grabungen oder Beutekunst aus Kriegen, etwa durch die Nazis im Dritten Reich.

Mit Beginn eines neuen ethischen Bewusstseins im Kunst- und Antiquitätenhandel Mitte des 20. Jahrhunderts erlangte eine ordentliche Provenienz einen hohen Status, der zur Wertsteigerung des Objekts führen konnte. Auf diese Weise gelangte der Begriff in den Orientteppichhandel.

Dort bezieht sich Provenienz im klassischen Sinn auf Alter und Herkunft eines Teppichs, aber auch auf spezifische Merkmale, die seine geografisch-kulturelle Herkunft belegen.

Nachgewiesene Provenienzen für spezifische Typen, wie den Isfahan-Teppich, garantieren auch eine bestimmte Qualität. Neben der geografischen Herkunft wird auch in Nomaden-, Dorf- und Stadtteppiche unterschieden, dabei stellen die Dorfteppiche jene mit dem individuellsten Charakter und einer wenig handelsfreundlichen Qualität dar.[1]

Je nach Händler werden für die Provenienz unterschiedliche Merkmale herangezogen, die häufigsten sind: Materialkombination von Grundgewebe und Flor, Höhe des Flors, Knoten pro Quadratmeter, Knüpfweise, regionalspezifische Pigmente und Dekor.

Die Bestimmung der Provenienz erfordert viel Fachwissen und sollte mithilfe eines Experten vorgenommen werden, hier finden Sie eine grobe Beschreibung:

Persische Teppiche

Nomadische Teppiche: Afschar, Bachtiari, Chahar Mahal, Kurden, Quashqai
Aserbaidschan: Baku, Heris, Kara-Dag, Schuscha, Täbis
Ost-Kurdistan: Bidschar (Sarakh), Kermanshah, Koltuk, Senneh
Feraghan: Arak, Djushaghan, Ghom, Hamadan, Nain, Sarab, Sarogh, Serabend, Teheran-Isfahan, Yazd
Kirmanya: Herat, Maschhad (Chorasan), Schiras (Fars)
Kerman, Kashan[2]

Im persischen Raum gibt es immer noch zahlreiche Nomadenteppiche. Sie werden oft nach den Städten in ihrer Nähe, wie Nain, Qum, Täbris und Maschhad, oder nach ihrer Volksgruppe benannt. Neben Schafswolle wird auch die von Ziegen und Kamelen verwendet. Durch die horizontalen Webstühle und die Wanderbewegungen sind die Teppiche eher klein, das Format möglicherweise unregelmäßig und der Abrasch ist deutlich.

Die Enden der Teppiche werden mit Flachgeweben abgeschlossen. Nomadenteppiche besitzen einen höheren Flor und sind durch die Verwendung alter, regionstypischer Motive sehr divers. Geometrische und florale Designs sind häufig, naturnahe Darstellungen mit feinen Linien kommen ebenfalls vor. Die harmonischen Naturfarben wirken gedimmt und zeigen vorwiegend Blautöne, Rot und Braun.

Zur Moderne hin setzten sich die zentralen Medaillons durch, in den Ecken des Teppichs erscheinen dreieckige Kacheln. Der Quashquai-Teppich dagegen sieht mit seinem geometrischen Design und den Stammessymbolen im Zentrum zwar wie ein Medaillon-Teppich aus, ist aber keiner.

Bei Dorfteppichen werden im Kontrast zu Nomadenteppichen die Ecken wenig bearbeitet, da All-Over-Layouts und zentrale Layouts vorherrschen. Die Muster werden zudem aus dem Kopf geknüpft und weisen daher Abweichungen auf. Im Welthandel wesentlich besser bekannt sind die Stadtteppiche, welche die höchste Qualität der persischen Teppiche bieten.

Die Verwendung des asymmetrischen Knotens ist hier typisch. Viele der Muster stammen ursprünglich aus den Stammestraditionen,[3] aber die häufigsten Handelsteppiche zeigen das Medaillonmuster. Seit den 1980er Jahren sind auch Gabbeh-Teppiche weit verbreitet: Sie zeichnen sich durch ein kachelartiges Layout mit abstraktem Design aus und waren ursprünglich für den Hausgebrauch gedacht.

Geknüpft werden sie aus Schafs- oder Ziegenwolle und im Vergleich mit anderen Stadtteppen sind sie mit 70.000 Knoten pro Quadratmeter aber eher grob.

Turkmenische Teppiche

Afghane, Belutschen, Buchara, Kaschgar, Kum-Kapu, Samarkand (Xinjiang), Salor, Tekke, Tjaudor, Yarkand, Ýomut

Die turkmenischen Teppiche sind nicht nur Produkte einer der ältesten Teppichknüpftraditionen, im früheren Turkestan flossen auch persische, kaukasische und chinesische Einflüsse zusammen. Entsprechend zählt die noch sehr frisch von China eroberte Provinz Xinjiang, mit der bedeutenden Seidenstraßenoase Samarkand, zur turkmenischen und nicht zur chinesischen Knüpftradition.

Durch die Islamisierung vermischten sich die islamische und die einheimische schamanische Symboltradition, so entstanden die „Turkmenoglyphen“[4]. Sie sind bis heute kaum entschlüsselt, da die turkmenische Teppichknüpfkunst durch Kriege und russische Eroberungen im 19. Jahrhundert niederging. Unter der Sowjetunion wurde Druck aufgebaut, möglichst günstig für den Westen zu produzieren – das beendete viele Techniken und Traditionen.

Turkmenische Teppiche zeichnen sich besonders durch zwei Charakteristiken aus: Ihre Farbgebung ist immer rot bis rötlich-braun und ihre geometrischen Designs lassen sich bis in die Bronzezeit zurückverfolgen.[5] Hauptmotiv turkmenischer Teppiche ist das Gul (auch: Gül), dabei handelt es sich um ein achteckiges Medaillon, welches einen Mäander enthält, der sich um ein weiteres stern- oder pokalförmiges Symbol ringt.

Aufgrund seines Alters sind weder Bedeutung noch Etymologie des Gul geklärt.[6] Ab dem 14. Jahrhundert erscheint es auch auf anatolischen Konya-Teppichen und anschließend vereinfacht im orientalischen Raum. Weitere Motive sind der schamanische Weltenbaum und Sonnenvogel. Der Widder spielt bei Schamanen wie Muslimen eine bedeutende Rolle. Weitere Amulette umfassen auch die Hand Fatimas. An den Teppichenden erscheinen Tafeln, die aufwendig mit Motiven gefüllt werden – aber nicht an beiden Enden gleich sind. Auch turkmenische Teppiche besitzen flach gewobene Enden.

Die afghanischen Teppiche stellen die südlichste Tradition der turkmenischen Teppiche dar. Sie sind stärker von Nomadentraditionen geprägt und werden neben Schafswolle auch mit Ziegen- und Kamelwolle geknüpft. Ihre Symbolik ist eher vom Islam aber auch von Rückständen des Buddhismus geprägt.

Kaukasische Teppiche

Bidjov, Chi-chi, Dagestan, Derbent, Kabistan, Kuba, Tscherkessen
Transkaukasisch: Drak, Karabagh, Kazak (Armenien), Saujbulag, Schirwan, Soumak
West-Kurdistan: Akstafa

Die älteren kaukasischen Teppiche bestehen vollständig aus hochqualitativer Schafswolle, seltener aus Ziegenwolle, welche aber nie für den Flor verwendet wird. Sie haben oft ein längliches Format und geknüpft wird mit symmetrischen Knoten, was diese Teppiche sehr widerstandsfähig macht. Die dominanten Farben sind Rostrot und Braun, Blau und Weiß. Zahlreiche kaukasische Teppiche zeigen oktogonale Elemente, die vitruvianische Welle, Mäander und Pfeile.

Durch das Christentum sind Kreuzdarstellungen häufig. Seltenere Motive sind Blätter, Schildkröten und Zackenornamente. Die Farben der Webkanten können bei der Identifizierung von Herkunftsgebieten helfen: Bidjov-Teppiche zeichnen sich durch Kreuze und Halbmonde im geometrischen Design aus, mit vitruvianischen Wellen am Rand und einer dreifachen, blauen Webkante. Kazak-Teppiche haben helle Webkanten mit sichtbaren, rostroten Schussfäden, zudem sind sie am niedrigeren Flor erkennbar.

Besonders bekannt sind auch die Chondoresk-Kazak-Teppiche, deren Design dem chinesischen Wolken-Wellen-Muster (Yunwen) ähnelt, tatsächlich aber auf ein Omega-Ornament aus der Zeit Alexanders des Großen zurückgeht.[7] Eine weitere besondere Teppichform sind die Akstafa-Teppiche aus dem Nordwesten des heutigen Aserbaidschans, welche sich von den Schirwan-Teppichen ableiteten.

Sie sind berühmt für die Darstellung pfauenähnlicher Vögel mit Sägezahnornament am Rand. Diese Teppiche sind eher grob geknüpft.

Türkische Teppiche

Konya: Anatolisch, Kaba-Karaman, Kayseri, Mudjur, Yörük
Smyrna: Ak-Hissar, Bergama (Pergamon), Gördes, Kulah, Ladik

Türkische Teppiche werden mit dem symmetrischen Gördesknoten geknüpft. Generell sind bei den türkischen Teppichen Einflüsse aus Persien und Arabien besonders deutlich, denn die Türken waren Eroberer und nahmen zahlreiche Elemente aus fremden Teppichknüpftraditionen auf, daher ist eine typische türkische Ornamentik kaum festzustellen.

Aus Konya stammen vor allem Gebetsteppiche und solche für Herd oder Feuerstelle.[8] Die Mudjur-Teppiche gelten als die besten dieser Region, sie werden durch Rot und Grün sowie ein Florrelief geprägt. Kaba-Karaman-Teppiche sind grobe und raue Nomadenteppiche der südlichen Provinzen. Auch die Yörük sind ursprünglich Nomaden, eng mit Kasachen und Turkmenen verwandt, die sehr traditionelle, wenn auch nicht vielfältige Symbole auf ihren Teppichen zeigen.

Ihre Webkanten sind mit buntem Garn nachgesteppt. Die Yörük legen viel Wert auf ihre Techniken, die Qualität der Teppiche ist daher recht gut. Auch wenn das Handelszentrum Smyrna selbst keine Teppiche produzierte, wurden viele türkische Teppiche nach ihm benannt. Bei den Smyrna-Teppichen dominiert die Farbe Blau mit etwas Rot und blassem Grün.[9]

Die Gördes-Teppiche sind für ihre raschen Farbfolgen bekannt, während Kulah-Teppiche fast ganz in Rot gehalten sind. Bergama-Teppiche zeichnen sich durch ein mattes, Ladik-Teppiche durch ein intensives Rot aus – ansonsten sind sich beide sehr ähnlich.

Berühmt wurden die Ak-Hissar-Teppiche, da in Ak-Hissar der Mohair entwickelt und für das Teppichknüpfen verwendet wurde. So wurden sie im 19. Jahrhundert zu den teuersten Smyrna-Teppichen.

Chinesische Teppiche

Ost-Turkestan: Kaschgar, Khotan
Zentralebenen: Aza, Beijing (Han), Miao, Tibetisch, Tianjin
Grenzgebiete: Baotou (Ningxia), Gansu , Mongolisch

In den Zentralebenen Chinas sind gewebte Teppiche häufiger als geknüpfte, beide Varianten bestehen hauptsächlich aus Seide. Die nomadischen Viehzüchter der Tibeter und die Minderheiten Sichuans, Yunnans und Guizhous besitzen eigene Teppichknüpftraditionen mit Schafswolle, unter welchen sie Gebetsteppiche, Tierauflagen und Läufer herstellen. Die Grenzgebiete der Inneren Mongolei und Xinjiang dagegen führen die Knüpftraditionen ihrer Nachbargebiete fort. Dabei kombiniert die autonome Provinz Ningxia[10] chinesische und mongolische Elemente mit höchster Wollqualität.

Die antiken Orientteppiche der Zentralebenen waren zunächst quadratisch und wurden erst mit der Zeit länglich. Die Seidenteppiche wurden hochfein geknüpft, während modernere Wollteppiche eher grob sind: Um das Baumwollgrundgewebe zu verdecken, besitzen sie einen hohen Flor, der erst in jünger Zeit zur Betonung reliefartig geschnitten wird.[11]

Hier dominieren gedämpfte Erdtöne mit Gelb und Dunkelblau – das für Persien typische leuchtende Rot ist rar. Im tibetischen Raum dagegen werden intensive Blau-, Gold-, Grün- und geringfügiger auch Rot- und Weißtöne genutzt. Während die Zentralebenen vor allem naturnahe Pflanzen, Fabelwesen und Menschen auf den Teppichen darstellen, herrscht auf tibetischen Teppichen das geometrische Design vor.

Das wichtigste Merkmal chinesischer Teppiche sind die unverbundenen Motive, die mit großen Abständen in einer Komposition stehen. Seltener werden auch Medaillon-Teppiche hergestellt. Die Bodenteppiche buddhistischer Tempel zeigen sowohl indische und zentralasiatische als auch chinesische Motive in Form von Drachen, Phönix, Pfirsich, Fledermäusen[12] und Zikaden.

Einzigartig sind die Säulenteppiche,[13] die sich parallel zu den buddhistischen Tempeln in China entwickelten. Des Weiteren lebt seit dem 8. Jahrhundert eine muslimische Minderheit aus Arabien und Zentralasien in China, welche ihre Knüpftraditionen ohne Einflüsse des späteren Nahen Ostens fortsetzte und gleichsam chinesische Motive integrierte.

Indische Teppiche

Agra, Amritsar, Dorri, Ghazan, Lahore[14]

Den Indern gelang es als erstes und schon sehr früh, für die Teppichknüpferei geeignete Baumwollgarne herzustellen. Daneben wurden aber auch Schafswolle und Seide verwendet. Der Flor indischer Teppiche ist sehr kurz. Geknüpft wird besonders dicht mit dem asymmetrischen Knoten, nur dadurch sind die beliebten, naturnahen Darstellungen möglich.

Entsprechend realistisch sind die Darstellungen von Mensch und Tier trotz starken persischen Einfluss gehalten. Charakteristisch für indische Teppiche ist die Bevorzugung von Naturmotiven – dekorative Motive sind selten. Sie haben eine lebhafte Farbgebung in Gelb, Pink, Hellblau, Grün und ein einzigartiges bläuliches Rot.

Ab der Mogulherrschaft setzte sich das florale Design immer mehr durch und Lahore wurde schließlich zur berühmtesten Stadt für Teppiche im floralen Design.

Einzelnachweise

  1. https://de.wikipedia.org/wiki/Perserteppich#Einteilung
  2. http://www.oriental-rugs-history.com/classification.html
  3. http://www.apartmenttherapy.com/12-types-of-oriental-rugs-216831
  4. http://www.bukhara-carpets.com/oriental-rugs/turkmen-rugs-symbolic-characteristics.html
  5. http://www.bukhara-carpets.com/oriental-rugs/turkmen-rugs-weaving-characteristics.html
  6. https://en.wikipedia.org/wiki/Gul_(design)
  7. http://www.bukhara-carpets.com/making/caucasian-carpets.html
  8. http://www.oriental-rugs-history.com/turkish-konieh-rugs.html
  9. http://www.oriental-rugs-history.com/turkish-smyrna-rugs.html
  10. http://www.antiqueorientalrugs.com/ningxia%20rugs%20explained.htm
  11. http://www.bukhara-carpets.com/oriental-rugs/other-chinese-rugs.html
  12. Williams, C.A.S. Outlines of Chinese Symbolism & Art Motives. New York, 1976. S.57.
  13. http://www.bukhara-carpets.com/oriental-rugs/other-chinese-rugs.html
  14. http://www.bukhara-carpets.com/making/india-rugs.html

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