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Orientteppiche Muster, Motive und Symbole – Was bedeuten sie?

Orientteppiche weisen ein reichhaltiges Dekor auf. Dieses gliedert sich in drei Kategorien: Das Layout ist das Arrangement von Motiven und Symbolen, das dem Teppich seinen Charakter verleiht. Das Motiv stellt die dominierende Dekoration des Teppichs dar und jede weitere Einzeldekoration ist ein Symbol.

Dieser Artikel verrät, was es mit den Motiven auf sich hat und wofür die typischen Symbolen stehen.

 

All diese Kategorien werden mit der Zeit weiterentwickelt und das gleiche Symbol kann ich im Lauf der Zeit stark verändern.

Häufig findet eine Stilisierung statt: Motive und Symbole werden gemäß kultureller Konventionen spezialisiert oder gar abstrahiert. Sobald diese Motive und Symbole aber über den eigenen Kulturraum hinaus transportiert werden, setzt eine entgegengesetzte Entwicklung ein – komplexe Symbole werden so lange vereinfacht, bis erneut eine lokale Stilisierung eintritt.

 

Eine weitere Unterscheidung besteht zwischen den Mustern des Mittelfeldes und des Teppichrandes:

  • Das in Persien entwickelte Medaillonmuster ist heute das populärste Layout unter den Orientteppichen. Es umfasst entweder ein großes Medaillon im Zentrum des Teppichs oder mehrere mittlere Medaillons auf einer gedachten Längsachse. Weitere Medaillons können nahe den Ecken vorkommen. Eine Variante des Medaillon-Teppichs ist der Spiegelteppich, welcher eine normale Randdekoration aber ein leeres – oder bis auf ein Medaillon leeres – Zentrum aufweist.
  • Beim All-Over-Layout (auch: Rapportmuster) fällt der Teppichrand weg. Es war früher sehr häufig, bis es vom Medaillonmuster verdrängt wurde.
  • Die Feldermusterung unterteilt den Teppich in zahlreiche Tafeln, Rauten und Streifen symmetrischer oder fließender Anordnung. Die Felder können schlicht durch unterschiedliche Farben oder durch eine Vielzahl von Motiven gefüllt sein. Der persische Gabbeh-Teppich ist ein typisches Beispiel, das seine Felder mit Motiven im geometrischen Design füllt.
  • Bilderteppiche sind weniger verbreitet. Sie zeigen meist naturnahe Motive aus der Pflanzen- und Tierwelt, Vasen und Personen. Bilderteppiche sind vor allem Schmuckteppiche der Oberschicht des Nahen Ostens, Chinas und sie finden sich auch unter den für den französischen Markt produzierten Orientteppichen. Der anatolische Tierteppich fällt ebenfalls in diese Kategorie.
  • Eine Sonderform des Layouts ist der orientalische Gebetsteppich, der immer die Gebetsnische (Mihrab) im Mittelfeld darstellt. Manchmal tritt eine Moscheelampe hinzu. Er ist von den buddhistischen Gebetsteppichen mit Darstellungen einfacher Ornamente oder der Acht Kostbarkeiten des Buddhismus (Sonnenschirm, Fischpaar, Muschel, Vase, Lotus, Knoten, Siegesbanner, Rad) zu unterscheiden.

 

Designs

Die Art der Darstellung von Mustern und Motiven erfolgt in verschiedenen Designs, für die es grob drei Kategorien gibt:

  • Das geometrische oder rektilineare Design ist wahrscheinlich das älteste Design. Es lässt sich auch auf groben Teppichen früherer Jahrhunderte gut darstellen. Linien werden in horizontale, vertikale und diagonale Richtungen unterschieden, runde Formen sind selten. Selbst Tierabbildungen sind durch harte Kanten geprägt. Im 11.-13. Jahrhundert war dieses Design besonders unter den Seldschuken verbreitet.
  • Das florale oder kurvilineare Design wirkt dagegen runder und harmonischer. Es stellt hauptsächlich Vögel und Pflanzen dar, auch wenn die Pflanzen und Früchte aufgrund künstlerischer Stilisierung nicht immer leicht erkennbar sind. Unter diesem Design stellt das Gartenmuster (Cheti) eine Sonderform dar, es kombiniert das florale Design mit den Tafeln des Feldermusters, wodurch der Eindruck einer Gartenanlage von oben erweckt wird. Ein gutes Beispiel dafür sind die Bachtiar-Teppiche.
  • Das naturnahe oder figurale Design stellt Menschen und Tiere so realistisch, wie auf einem Teppich nur möglich dar – in Form einer einzelnen Abbildung oder ganzer Szenerien. In den Gebieten des sunnitischen Islams finden sich naturnahe Darstellungen nur auf Nomadenteppichen. In China, Indien und bei den für den europäischen Markt produzierten Orientteppichen sind figurale Designs viel häufiger.

 

Bildersprache

Die oftmals schwierige Deutung der Motive und Symbole von Orientteppichen fasziniert die Menschen im Westen. Vielerorts gingen die Bedeutungen mit der Zeit verloren, vor allem, da die größeren Werkstätten Motive von ihrer Herkunft losgelöst verwendeten. In ihren Herkunftsgebieten waren jene Symbole selbstverständlicher Teil des Alltags, der weder Erklärungen noch Handbücher benötigte.

Der Westen begann sich für die Deutung der Symbole zu interessieren, weil dort die kulturellen Konventionen fehlten, um sie zu verstehen. Doch die Quellenlage ist schlecht und häufig wurden die orientalischen Kulturen nicht richtig verstanden – daher kursieren viele volksetymologische oder einfach falsche Interpretationen. Ein weiteres Problem westlicher Deutung ist, dass oft nur Bezug auf figürliche und florale Elemente genommen wird und die Ornamente bei der Deutung außen vor gelassen werden – obwohl sie im Orient eine hohe Symbolkraft haben.

Ein Ornament ist ein oft figürliches aber häufiger stilisiertes und sich stets selbstwiederholendes Muster, das Teppichränder und Bordüren schmückt. Typische Ornamente sind Mäander, Zacken, Pfeile, Schriften – wie das Lam-Alif-Ornament – und die vitruvianische Welle. Die vitruvianische Welle wird aus ungeklärten Gründen auch „laufender Hund“ genannt und häufig mit dem chinesischen Wolken-Wellen-Muster (Yunwen) verwechselt.

Eine Sonderform des Ornaments ist die Arabeske (pers. Eslimi, türk. Rumi): Eine Laubranke aus Blattvoluten und Rankstängeln, die mit Blüten, Blättern oder Wolken erweitert werden kann. Ornamente haben gegenüber der Schmuckdekoration eine sekundäre Funktion: Sie können die Muster des Teppichs gliedern, betonen, füllen und rahmen. Zahlreiche Ornamente stammen aus der Pflanzenwelt oder sind in Form von Wellen, Wolken und Strudeln mit dem Wasser verwandt.

Sinn davon ist, durch Wuchs- und Fließrichtung dem Teppich eine optische Dynamik zu verleihen. Im islamischen Raum tritt die Schrift als Platzhalter der figürlichen Darstellung auf und deutet die Dynamik durch die Schreibrichtung an.

 

Beispiele für häufige Symbole auf Orientteppichen

Eine ganze Reihe von Motiven häufen sich. Zu den typischen Symbole gehören diese:

 

Internationale Symbole

Eine Symboliken sind international vertreten:

 

Achtzackiger Stern: Der Khatim, das Siegel des Propheten – selbst abgeleitet vom jüdischen Siegel Solomons – ist ein variantenreiches Symbol auf Orientteppichen. Wie das Medusenhaupt oder das Hexenauge dient es der Abwehr böser Geister. In China dagegen symbolisiert der achtzackige Stern die astrologischen Acht Häuser des Himmels.[1]

Hexenauge: Ein uraltes Amulettsymbol, das in Afrika,[2] Westasien aber auch unter den abrahamitischen Religionen verbreitet ist, um vor dem Bösen Blick zu schützen. Mit der Zeit wurde es stark vereinfacht, bis es häufig aus nicht mehr als einer großen hellen Raute, gefüllt mit einer kleinen dunklen Raute bestand. Auch konzentrische Rauten oder Rauten mit Ranken sind Hexenaugen. Teppiche mit diesem Dekor werden sowohl für Gäste- als auch Privaträume verwendet.

Lotus: Ein bedeutendes Symbol in der Hindu-Religion und im Buddhismus. Er tritt als Knospe, seitliche und frontale Blüte auf. Die seitlichen Blüten werden häufig mit Fächern oder Nelken verwechselt. Der Lotus steht für Reinheit und Wiedergeburt.[3] Er wurde während der Mogulherrschaft in Indien über den Nahen Osten bis in die Türkei verbreitet, wobei das Symbol zu einem zarten, vierblättrigen Ornament reduziert wurde.

Zypresse: Als säulenförmiger, gezackter Baum kommt sie vor allem auf türkischen Teppichen vor, später auch auf persischen und chinesischen. Sie symbolisiert das ewige Leben.[4]

Vögel: Die unzähligen Vogelsymbole können grob in fliegende und laufende sowie kurzschwänzige und langschwänzige Vögel unterschieden werden. Gewöhnlich treten sie auf Familienteppichen auf, da sie für Treue, Heirat und Familie stehen. Häufige Symbole sind Phönix, Pfau, Fasan, Hahn und Adler.

Symbole des Nahen Ostens

Eine ganz eigene Bildersprache haben die Menschen aus dem Nahen Osten. Zu den am häufigsten verwendeten Symbolen gehören unter anderem:

 

Boteh[5]: Trotz der Bedeutung „Busch, Strauch“ ist dieses florale Motiv schwer zu interpretieren, obwohl Sie es sicherlich bereits kennen – im Westen wird es „Paisley“ genannt. Tränen- oder mandelförmig wird es mit Blüten, Spiralen und Samen gefüllt. Es findet sich vor allem auf persischen Kerman-Teppichen sowie auf Teppichen aus Kaschmir und Indien. Boteh wird mit Langlebigkeit und Fruchtbarkeit assoziiert.

Kamel[6]: Das bedeutendste Lastentier des Orients wurde zum Symbol für Segen, Stärke und Durchhaltevermögen; entsprechend häufig findest es sich auf Nomadenteppichen.
Golfarang: So werden stilisierte Nachahmungen europäischer Blumen, meistens Rosen, genannt. Dieses Motiv findet sich primär auf den für den Export gedachten Kerman-Teppichen des 18. und 19. Jahrhunderts.

Herati: Die Rosette innerhalb eines Diamanten, der von Blättern oder Fischchen umgeben ist, steht für Wohlstand und Fruchtbarkeit. Dieses Muster kommt als All-Over-Layout[7] oder auf Medaillon-Teppichen vor.

Palmette[8]: Als Symbol oder Ornament ist die Palmette eines der häufigsten persischen Motive. In der Architektur gut erkennbar, fällt die Deutung der Palmette auf Orientteppichen schwer – denn häufig sieht sie eher einer Vase mit nach außen gebogenem Rand ähnlich. Die Palmette gehört zu den floralen Designs der Täbris-, Isfahan- und Kerman-Teppiche.

Wasserkrug: Häufig in Form eines Kundika dargestellt, findet sich der Wasserkrug als Symbol der Reinheit auf den religiösen Teppichen Indiens, Chinas und des Nahen Ostens. Auf öffentlichen Teppichen kann der Wasserkrug auch für Gastfreundschaft stehen.

 

Symbole Asiens

Interessant sind auch Symbole aus dem asiatischen Kulturkreis:

 

Chinesische Ornamente: Neben Mäandern finden sich auch Ornamente aus Fischrogen, Fischschuppen, Münzen und Heringsmuster, durch den Buddhismus kamen fortlaufende Swastikas hinzu.[9] Typischerweise treten Ornamente aus fortlaufenden Pfingstrosen, Lotusblüten und Chrysanthemen auf.

Chintamani: Das wunscherfüllende Juwel der Hindus und Buddhisten wird als flammende Perle, seltener als dreifache Perle über Wellen dargestellt. Da das Juwel Allmacht verleiht, war es Symbol königlicher und spiritueller Macht.

Drache[10]: Anders als im Westen steht der Drache in Ostasien für das Element Wasser. Für die Agrarstaaten war es von höchster Bedeutung, daher findet sich auf den meisten Teppichen der „Regenbringer“: Ein verschlungener Drache, frontal inmitten von Wolken schwebend. Seltener sind gelbe Drachen, die Symbole des Kaisers – spätere chinesische Teppiche orientierten sich an den Kaisergewändern der Qing-Dynastie (1645-1911). Die Zugehörigkeit des Teppichs lässt sich an der Klauenzahl der Drachen ablesen: Fünf stehen für den Kaiserhaushalt, vier für die hohe und drei für die niedere Oberschicht. Sie treten in ganz Ostasien aber auch im Kaukasus auf.

Pfingstrose: Das Symbol des Frühlings, das während der Ming-Dynastie (1368-1644) zur Blume des Kaiserhauses wurde und somit zu einem Symbol der Macht.[11] Da genau zu dieser Zeit die Teppichproduktion im Aufschwung war, verbreitete sich die Pfingstrose bis in den Nahen Osten.

 

Einzelnachweise:

  1. https://nazmiyalantiquerugs.com/resources/guide/motifs-symbols/eight-pointed-stars-rug-design-motif/
  2. https://nazmiyalantiquerugs.com/resources/guide/motifs-symbols/the-eye/
  3. Williams, C.A.S. Outlines of Chinese Symbolism & Art Motives. New York, 1976. S.257-8.
  4. Torba. Das Teppichmagazin. Nr. 2, 1996. Backcover. S. 24.
  5. https://nazmiyalantiquerugs.com/resources/guide/motifs-symbols/boteh-plant-paisley-design-rugs/
  6. https://10963-presscdn-0-74-pagely.netdna-ssl.com/wp-content/uploads/2015/01/camels.jpg.optimal.jpg
  7. https://de.wikipedia.org/wiki/Herati-Muster
  8. https://nwrugs.com/blogs/loveofrugs/15689205-the-evolution-of-the-palmette-design-motif-in-rugs
  9. Williams, C.A.S. Outlines of Chinese Symbolism & Art Motives. New York, 1976. S.120-3
  10. Williams, C.A.S. Outlines of Chinese Symbolism & Art Motives. New York, 1976. S.132-41
  11. Williams, C.A.S. Outlines of Chinese Symbolism & Art Motives. New York, 1976. S.321